Samsungs Kampfansage an iOS und Android geht weiter: Das Z3 kommt

Android und iOS: Die Systeme sind weitestgehend akzeptiert, bekannt, genutzt, es gibt jede Menge Applikationen, die Heruntergeladen werden können, kurzum: die Marktmacht ist nahezu erdrückend. In so einer Situation haben alternative Betriebssysteme hohe Martkeinstiegsbarrieren: Es müssen Gimmicks programmiert und eine Fanbasis aufgebaut, viel Geld investiert – und überhaupt das System erst einmal einwandfrei zum Laufen gebracht werden. Samsung hat sich vor einigen Jahren auf diesen Weg begeben. Mit der Ankündigung das neue Z3 in Indien herauszugeben gehen die Koreaner einen Schritt weiter.

Schon während der Vorstellung des Tab S letztes Jahr wurde im Hintergrund an einer
Alternative zum gängigen System Android gearbeitet

Hartes Lehrgeld

Dass das aufziehen alternativer Betriebssysteme alles andere als einfach ist, macht schnell das Schicksal einiger Ex-Kommunikationsgiganten deutlich. Viele Unternehmen, darunter wohl die bekanntesten Blackberrry und Nokia, sind an dem Versuch gescheitert, mit softwaretechnischen Eigenkreationen überzeugen zu wollen. In beiden Fällen verursachten die Betriebssysteme etliche Probleme und gelten auch heutzutage als recht unbeliebt. Andere Systeme wie Sailfish oder diverse Ubuntu Varianten, die teilweise von dem chinesischen Hersteller Meizu verwendet werden, sind den meisten Nutzern in Europa überhaupt nicht bekannt. Die Dominanz von iOS und Android, die, obwohl offiziell Open Source, stark von den Geldern von Apple und Google abhängig sind, hat wenig Platz dafür gelassen. Für die Hersteller von Mobilfunkgeräten ist die Wahl des Betriebssystems somit keine bequeme: Seit Google diverse Cloud-Dienste von Windows torpediert hat, hat sich gezeigt, dass eine solche einseitige Abhängigkeit unangenehme Konsequenzen haben kann.

Gegen ebendiese Vormachtstellung will sich nun ein bisweilen enger Verbündeter Googles stellen: Samsung. Mit dem hauseigenen Betriebssystem „Tizen“ versuchen die Koreaner derzeit den Smartphone-Markt in und um Indien mit ihrem eigenen Handysystem zu bereichern, was eigenen Angaben zufolge bestens zu gelingen scheint: Über 1 Million Mal wurde das Z1, das erste Smartphone mit dem Betriebssystem von Samsung, in besagtem Gebiet verkauft. Grund genug für Samsung, seine Strategie fortzusetzen und mit dem Z3 zum großen Wurf auszuholen

Tizen smartphone - Samsung Z1

Das bietet Tizen

Tizen stellt eine Verbindung verschiedener Systeme dar. In die Konzeption ist zum Beispiel Samsungs ehemaliges Betriebssystem „Bada“ eingeflossen, welches auf den Modellen der Wave-Serie zum Einsatz kam. Mit der Ausgestaltung von Tizen haben die Tüftler aus Fernost übrigens bereits vor über drei Jahren begonnen: In Zusammenarbeit mit dem Chiphersteller Intel entwickelte Samsung bereits im Jahre 2012 unter Rückgriff auf das Open-Source-System „MeeGo“ seine eigene Handyoberfläche. Im Großen und Ganzen orientiert sich das System jedoch sehr stark an Android, denn Symbole und Menüs sowie Einstellungspunkte sind erstaunlich ähnlich gehalten. Status- und Taskleiste beziehungsweise Multiscreen und der mittig platzierte Startbildschirm beispielsweise finden auch bei Tizen Unterschlupf. Dass das System Android in vielen Punkten ähnelt, dürfte übrigens kein Zufall sein, denn bisherigen Nutzern eines Handys beziehungsweise Tablets samt Googles Software-Klassiker wird somit der Umstieg ungemein vereinfacht. Ferner hat Samsung insgesamt acht Dienste wie Google Maps und den beliebten Browser Google Chrome in das Standard-Inventar an Apps aufgenommen. Apropos Apps: Für genügend Nachschub an Programmen will Samsung mit einem kostenlosen Konverter sorgen, über dem sowohl Apps aus dem Play Store (Google) als auch aus dem App Store (Apple) konfiguriert werden können. Und: Für die Einnahmen, die die Entwickler mit den hochgeladenen Programmen erzielen, werden keine Abgaben fällig. Samsung verzichtet (bisweilen) nämlich auf sämtliche Provisionsansprüche.

Die Handys unter der Lupe

Die kürzlich geknackte Grenze von 1 Million verkaufter Z1-Modellen mag zunächst erstaunlich klingen und den Anschein erwecken, dass Samsung tatsächlich einen Durchbruch auf dem internationalen Betriebssystem-Parkett erzielt hat. Doch der Schein trügt: In Relation zu der Einwohnermasse und somit möglichen Käufergruppe von über 1 Milliarde Menschen allein in Indien fällt die verkaufte Gesamtzahl des ersten Tizen-Handys verschwindend gering aus. Hinzu kommt, dass das Z1 vorwiegend auf einkommensschwache Käufergruppen angepasst ist und kaum Chancen gegen die diversen Highend-Handys wie dem erst kürzlich erschienenden S6 oder dem Klassiker schlechthin, das iPhone, hat. Schließlich bietet das aktuelle Modell zum Beispiel einen eher mageren Arbeitsspeicher von 786 MB und einen Flashspeicher von gerade einmal 4 GB. Auch der, zwar kräftige, jedoch für aktuelle Verhältnisse zu kleine und auch zu dunkle 4-Zoll-Bldschirm geht nicht mehr mit der Zeit. Das Z3, welches übrigens den direkten Nachfolger des Z1 darstellt, da die Südkoreaner ihr Z2 schnell beiseitegelegt und direkt auf den Einsatz moderner Hardware gesetzt haben, scheint zumindest in diesen Punkten mehr zu versprechen: Ausgestattet mit einem nun doppelt so großen internen Speicher, einem flotten Vierkernprozessor und einem 5 Zoll messenden Bildschirm könnte das Z3 auch hierzulande Anklang finden – wenn dieses denn überhaupt seinen Weg auf den europäischen Markt finden sollte. Der für Ende Juli angesetzte Verkaufsstart des Z3 beschränkt sich zunächst nämlich abermals auf den indischen und indonesischen Markt. Preislich soll das Modell umgerechnet gut 150 Euro kosten. Schwer abzusehen also, ob das Preiswerthandy als Top oder Flop in die Smartphone-Historie eingehen wird. Denn da auch noch eine Dual-Sim-Funktion sowie ein Duo hochwertiger Kameras in das Z3, welches mittlerweile den Beinamen SM-Z300H erhalten hat, integriert werden sollen, könnte das Gerät sogar manch Mittelklasse-Handys das Wasser abgraben.

Baldiges Ende für Android?

Wie bereits erwähnt, hat sich Samsung stark an das Layout und an das Design von Android gehalten und Tizen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich gehalten. Bereits dieser Umstand macht schnell deutlich, dass Samsung keineswegs eine Revolution anstrebt oder gar eine Revolte plant: Es soll wohl vielmehr ein vorsichtiger Sprung ins kalte Wasser sein, den die Südkoreaner mit ihrem Tizen-Experiment wagen. Und das Tizen durchaus Potenzial hat, ist unbestreitbar: Sobald Samsung seine diversen Internet-Fernsehergeräte, die beliebten Smart-TVs, oder die neuen Serien an Kühlschranken, Kaffeeautomaten und sogar Waschmaschinen mit Tizen ausstattet, könnte der Technikreise einen großen Schritt in Richtung „Smart Home“ vollführen, da die vielen Gerätschaften mit einem einheitlichen, zugleich aber an die jeweiligen Hardwarekomponenten angepassten, System miteinander deutlich besser kommunizieren dürften. Dass sich die Flagschiffe von Samsung, etwa die S-Modelle oder die kürzlich vorgestellten Alpha-Versionen, von dem Android-System trennen, gilt jedoch als äußerst unwahrscheinlich: Zu groß würden die Verluste von Samsung ausfallen, wenn die Anhänger der Hightech-Handy-Sparte mit Tizen unzufrieden sein sollten und die kommenden Handys verschmähen. Es bleibt also durchaus spannend, aber ein Aus droht Android oder gar Google aufgrund Samsungs Tizen-Plan keineswegs.

Ein Gastbeitrag von Richard Lilienthal von www.mobildiscounter.de

Bildrechte:
©Tizen smartphone – Samsung Z1 (Kārlis Dambrāns / Flickr, CC BY 2.0)
©Samsung GALAXY Tab S launch (Vernon Chan / Flickr, CC BY 2.0)

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